Handball: Gedanken zu dieser Sportart

Anfang 2019 war es so weit: Die Weltmeisterschaft im Handball fand in Deutschland und Dänemark statt. Für mich, der diesen Sport 25 Jahre lang aktiv betrieben hat, war das natürlich ein ganz besonderes Highlight. Denn: Ich war live dabei und durfte mir zwei Spiele in Berlin in der Halle anschauen. Somit herrschte bei mir selbstverständlich eine große Vorfreude.

Trotzdem war es damals und ist es heute so, dass ich mir derzeit mehr denn je Sorgen um „meinen“ Sport Handball mache. Zum einen kommt vor so einem Turnier wie der WM immer die Frage auf: Macht es eigentlich Sinn, dass eine sportliche Großveranstaltung mitten in der laufenden Saison stattfindet? Hier ist die Antwort, die zumindest ich geben kann, keine ganz eindeutige. Es immer ratsam, den Fußball-Großereignissen im Sommer irgendwie aus dem Weg zu gehen. Andernfalls würde das Zuschauer und Medieninteresse kosten – aber muss das jedes Jahr der Fall sein? Vor allem (als Aktualisierung des Berichts) Anfang 2021 während einer Pandemie?

Handball und Regeneration? Fehlanzeige!

Und ist es nicht so, dass der Ligabetrieb vor allem in der deutschen Bundesliga, der früher immer das Prädikat anhaftete, die stärkste Liga der Welt zu sein, unter einem Turnier im Januar leidet? Die Spieler hierzulande hatten Ende 2018 am 27. Dezember mit ihren Teams noch ein Bundesliga-Spiel absolviert. Wenige Tage später waren sie direkt zu ihren Nationalmannschaften gereist. Ende dieses Jahres wird das wahrscheinlich noch schlimmer sein. Regeneration? Fehlanzeige – und das nach Spieltagen mit zumeist hoher Intensität in Deutschlands handballerischer Beletage.

Da sind wir schon beim zweiten Thema: der Überbelastung der Spieler, die in Deutschland aktiv sind. Ja, vor einigen Jahren haben sich hier in der ersten Liga die besten Spieler der Welt getummelt. Das Niveau war atemberaubend hoch. Aber aufgrund des vollen Terminkalenders mit Spielen in Liga, Pokal, europäischen Vereinswettbewerben und für die Nationalteams sind viele Akteure ins Ausland abgewandert. Dort wird auch gut verdient, die Ligen sind kleiner und weniger ausgeglichen. Und die Belastung kann so bedeutend besser gesteuert werden.

Jedes Jahr ein Großereignis

Dazu kommt: Beim Herrenhandball gibt es jeden Januar (!) eine Weltmeisterschaft oder Europameisterschaft. Vergleich zum Fußball. Dort nur jeden zweiten Sommer im Wechsel. Das sorgt nicht nur für körperliche Belastung, sondern auch für psychische. Schließlich muss der Fokus jeden Winter auf Knopfdruck vom Verein auf das Land wandern und anschließend ohne nachfolgenden Urlaub wieder zurück. Grund: Nach dem WM-/EM-Finale bleiben nur wenige Tage Zeit bis zum nächsten Bundesliga-Spiel.

Zu diesen Gedanken rund um den Profibereich kommen auch noch solche zur Basis, denn: Auf Amateurniveau geht die Zahl der Mannschaften stetig zurück, Ligen müssen zusammengelegt oder gestrichen werden. Das Niveau verwässert so mehr und mehr, Schiedsrichter in unteren Ligen fehlen. Und hier hängen Amateur- und Profibereich doch ganz untrennbar zusammen, denn die Probleme der Basis – so sehe ich das zumindest – haben etwas mit dem professionellen Sport zu tun.

Sicherlich benötigt eine Nationalmannschaft immer leistungsstarken Nachwuchs, um auf Dauer überlebensfähig zu sein. Aber: Die Nationalmannschaft ist das Aushängeschild eines Landes und wenn sich auf Dauer Erfolge einstellen, dürfte auch die Basis davon profitieren, da mehr Eltern ihre Kinder in den Vereinen anmelden werden. Langfristigkeit ist somit ein ganz entscheidendes Stichwort, denn langfristige Erfolge helfen dabei, den Nachwuchs zu begeistern.

Das ist aber nicht alles: Eine Entzerrung des internationalen Spielkalenders wäre ebenfalls wünschenswert. Und auch das Ehrenamt spielt eine elementare Rolle, denn nur mit zumeist ehrenamtlichen und engagierten Trainern und Übungsleitern werden die Kinder in den Jugendmannschaften begeistert – und sorgen so dafür, dass ich mir um „meinen“ Sport bald vielleicht keine Sorgen mehr machen muss.

Ergänzungen einige Zeit später

Update dieses Textes im November 2020: Die Probleme im Handball, über die ich Anfang 2020 gesprochen habe, sind nach wie vor da. Die Schwierigkeiten sind jetzt aber noch viel gravierender. Stichwort: Corona. Dieses Virus hat das gesellschaftliche Leben auf der ganzen Welt in Teilen lahmgelegt. Schwer getroffen von Einschränkungen ist unter anderem der Sport – und damit auch der Handball. Spiele in Amateurligen finden bis auf Weiteres nicht statt, in der Bundesliga spielen die Teams vor leeren Rängen. Trotzdem soll im Januar 2021 eine Weltmeisterschaft in Ägypten stattfinden. Da kann man nur mit dem Kopf schütteln. Klar, vielleicht braucht der Handball gerade jetzt ein Großereignis, um sich zu rehabilitieren, möglicherweise zu retten. Ich hoffe inständig, dass dieses Turnier nicht stattfindet. Die Gesundheit aller Beteiligten sollte doch eigentlich klar im Vordergrund stehen. Oder?

Die Sportart Handball begeistert viele Menschen, hat derzeit hierzulande aber auch mit Problemen zu kämpfen. Fotos: SofiLayla/Pixabay (unten); JeppeSmedNielsen/Pixabay (oben)