„Digitale Prozesse helfen uns, agiler zu kommunizieren!“

Die Digitalisierung wird aus Sicht der Oberbürgermeister in Deutschland laut OB-Barometer 2018 – eine jährlich vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) durchgeführte repräsentative Befragung – als zweitwichtigste kommunale Herausforderung angesehen. Das macht deutlich, wie aktuell die digitale Transformation für die Verwaltung ist. Aber auch in der Wirtschaft und in Vereinen tut sich etwas und Apps, verschiedene Programme usw. erleichtern Angestellten, Kunden und Mitgliedern die Arbeit bzw. verschiedene Abläufe.

Hannover ist im Bereich der Digitalisierung einer der bundesweiten Vorreiter, was nicht zuletzt mit Faktoren wie einer Universität, weltweit aktiven Unternehmen wie Volkswagen Nutzfahrzeuge, Continental oder der TUI zusammenhängt. Dazu kommen kreative Start-ups, ein gefestigter unternehmerischer Mittelstand und die Tatsache, dass mit c’t und t3n gleich zwei der bekanntesten deutschsprachigen Zeitschriften für Digitales aus Hannover stammen. Dementsprechend hat das „Handelsblatt“ die niedersächsische Landeshauptstadt 2016 als „Digitalstar mit vielen weiteren Talenten“ bezeichnet.

Aber: Die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY hat im Rahmen einer repräsentativen Befragung von 2000 mittelständischen Unternehmen in Deutschland zur Digitalisierung im deutschen Mittelstand herausgefunden, dass die Mehrheit von 74 Prozent der Befragten die Digitalisierung zwar als Chance empfindet, jeder fünfte Mittelständler aber beklagt, dass die Mitarbeiter fehlen, um überhaupt oder mehr in die Digitalisierung investieren zu können. Zudem sagen weitere 15 Prozent der Befragten dieser Studie, dass sie nicht das nötige Wissen haben, um digitale Prozesse voranzutreiben, 13 Prozent verfügen nicht über die entsprechende finanzielle Ausstattung. Michael Marbler, Partner bei EY und verantwortlich für den Bereich Mittelstand, hält aufgrund der Ergebnisse der Studie fest, dass sich eine digitale Zweiklassengesellschaft verfestige, da einige erfolgreiche Unternehmen längst die Chancen digitaler Technologien nutzten und ihre Marktposition deshalb ausbauen könnten, auf der anderen Seite aber immer noch viele Unternehmen abwarteten und die notwendigen Investitionen hinauszögerten.

In Hannover, als echtem Digitalstandort, sieht das allerdings in weiten Teilen anders aus. Hannover ist weltweit anerkannter Messestandort, besitzt leistungsstarke Großkonzerne und eine gute Infrastruktur – vor diesem Hintergrund tut sich auch einiges in der Gründer- und Start-up-Szene. Ein Beispiel, wenn es um die Digitalisierung geht, ist die Picum MT GmbH, die am 26. Juli 2017 als Start-up des von Prof. Berend Denkena geführten Instituts für Fertigungstechnik und Werkzeugmaschinen (IFW Hannover) in Garbsen gegründet wurde. „Unsere Idee ist, die Maschine zum Bauteil zu bringen, anstatt das Bauteil zur Maschine“, erklärt Geschäftsführer und Gründer Dr.-Ing. Dominik Brouwer, der mittlerweile elf Mitarbeiter beschäftigt. Das bedeutet: Picum MT bietet den Kunden ein Bearbeitungssystem für große Bauteile und komplexe Bearbeitungsaufgaben an, welches den Einsatz herkömmlicher großer Werkzeugmaschinen und langwierige Transporte überflüssig macht.

„Damit erfüllen wir ein bisher unerfülltes Kundenbedürfnis in der industriellen Produktion: ein System, das die Genauigkeit einer Werkzeugmaschine mit der Flexibilität eines Roboters und der Mobilität einer Bohrmaschine kombiniert. Der Kunde profitiert durch wesentlich geringere Fertigungskosten und drastisch reduzierte Durchlaufzeiten“, verrät Brouwer und fügt an: „Als intelligentes, digital vernetztes System sorgt Picum MT dafür, dass die Produktion sich ein Stück weit selbstständiger organisiert, indem Maschine, Werkstück, die notwendige Logistik und der Produktionsprozess miteinander, im Sinne der Industrie 4.0, kommunizieren sowie kooperieren.“ Als Hightech-Start-up schafft die Firma Arbeitsplätze im Bereich Ingenieurwesen und Informatik und durch die enge Vernetzung mit der Leibniz Universität Hannover werden Forschungsergebnisse in die Praxis transferiert und wirtschaftlich nutzbar gemacht.

Eine völlig andere Klientel besitzt Daniel Pflieger mit seiner Geheimpunkt GmbH, die sich mit dem Spiel Geocaching beschäftigt. Dabei geht es darum, dass Spieler kleine und größere Schätze verstecken, die dann mittels Smartphone von anderen Spielern gefunden werden können. „Das Spiel findet also an der Schnittstelle zwischen analog und digital statt. Geheimpunkt nutzt das Spiel für drei verschiedene Geschäftsbereiche: Geocaching-basierte Firmenevents, Geocaching-Marketing und Geocaching-Erlebnisreisen“, sagt Daniel Pflieger und weiß zu berichten: „Obwohl die Arbeit einen sehr hohen handwerklichen Anteil hat und viele Verstecke in der eigenen Werkstatt gefertigt werden, spielen digitale Prozesse eine große Rolle. Da alle Mitarbeiter auch selber Spieler sind, wird der Umgang mit digitalen Vorgängen quasi schon bei der Einstellung mitgebracht.“

Im Unternehmensalltag äußert sich die Digitalisierung unter anderem durch Projektplanungen in Whatsapp-Gruppen, mobile Zugriffe auf in der Cloud gespeicherte Daten, aber auch durch Auslagerung verschiedener Prozesse an Webdienstleister. „Digitale Prozesse helfen uns, agiler zu kommunizieren und Arbeitsschritte schneller und dezentraler umzusetzen. Das ist ein Muss, denn das Team ist in ganz Deutschland verteilt. Auch hilft die Digitalisierung bei der Automatisierung von Routineaufgaben, was dann wieder Freiräume schafft, um das Unternehmen an anderer Stelle weiterzuentwickeln“, so Pflieger.

Die Digitalisierung ist aber nicht nur für Unternehmen entscheidend, sondern hält auch Chancen für verschiedene Institutionen bereit – darunter die Bundesagentur für Arbeit (BA). „Demografischer Wandel, Digitalisierung, technischer Fortschritt: Auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft werden Erwerbsbiografien unsteter. Häufigere Arbeitsplatzwechsel und regelmäßige berufliche Anpassungen stellen eher die Regel als die Ausnahme dar. Ebenso ist der Trend zur Höherqualifizierung in fast allen Berufsgruppen unverkennbar. Die damit einhergehende Notwendigkeit zu lebenslangem Lernen hat auch massive Auswirkungen auf die Aufgaben der Bundesagentur für Arbeit“, bilanziert Holger Habenicht, Pressesprecher der Agentur für Arbeit Hannover.

So beabsichtigt die BA beispielsweise, mit dem neuen strategischen Ansatz Lebensbegleitende Berufsberatung zukünftig individuelle und präventive berufliche Orientierung und Beratung für Menschen in jeder Lebensphase anzubieten – von der Berufsorientierung und Berufsberatung in den Schulen über das Beratungsangebot während Ausbildung oder Studium bis hin zur Beratung für Menschen, die sich beruflich neu orientieren oder weiterentwickeln wollen. Das geplante Angebot befindet sich derzeit noch im Projektstatus. Interessant ist vor diesem Hintergrund auch der sogenannte Job-Futuromat des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. Auf der Website job-futuromat.iab.de haben Interessierte die Möglichkeit zu testen, ob Roboter schon heute den eigenen Job oder Teile davon übernehmen könnten.

Spannend ist auch die Sicht der Dinge aus dem Blickwinkel der Demografieagentur, die 2012 von Arbeitgebern und Gewerkschaften mit dem Ziel gegründet wurde, Unternehmen bei den Herausforderungen demografischer Wandel und des sich zunehmend digitalisierenden Arbeitsumfelds zu unterstützen. „Alternde Belegschaften und Fachkräftemangel auf der einen sowie digitale Transformationsprozesse auf der anderen Seite erfordern stetige Anpassungs- und Wandlungsbereitschaft. Der Erfolg von Veränderungsprozessen ist dabei abhängig von der Beteiligung der Beschäftigten“, unterstreicht Irene Stroot, die bei der Demografieagentur als Projektmanagerin und Erstberaterin im Förderprogramm unternehmensWert:Mensch tätig ist. Immer im Fokus steht dabei die Frage, was die Digitalisierung für das jeweilige Unternehmen konkret bedeutet. Den Stellenwert der digitalen Transformation für die Arbeits- und Lebenswelt bewertet Stroot als groß und weiß, „dass die Digitalisierung im privaten Lebensumfeld enorme Potenziale, insbesondere im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bietet“.

In der Arbeitswelt würden etablierte Geschäftsmodelle dagegen von heute auf morgen quasi weggepustet und teilweise sogar vollständig durch Plattformen ersetzt. „Unseren Kunden, die größtenteils aus dem Mittelstand kommen, empfehlen wir, die digitale Transformation behutsam und mit Bedacht anzugehen, aber auch gleichzeitig mutig und offen Neuland zu betreten und Dinge auszuprobieren, so Stroot, die anmerkt: „In diesem Zusammenhang gibt es von uns das Audit „Zukunftsfähige Unternehmenskultur“. Der dem Audit zugrundeliegende systematische Prozess ist von der Bundesregierung, den Sozialpartnern und Spitzenverbänden entwickelt worden. Durch diesen werden passgenaue Maßnahmen identifiziert und umgesetzt. Sie führen zu einer zukunftsfähigen Unternehmenskultur und einer verbesserten Mitarbeiterbindung und -identifikation.“ Interessant ist auch: Als niedersachsenweit einziger Träger bietet die Demografieagentur gemeinsam mit dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales seit September 2017 das Förderprogramm unternehmensWert:Mensch plus (uWM plus) an, das kleine und mittlere Unternehmen dabei unterstützt, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen und die Gestaltung der digitalen Transformation in Lern- und Experimentierräumen zu erproben – damit die digitale Transformation als ideale Option und nicht als Gefahr gesehen wird.

Die Digitalisierung ist für Unternehmen, Institutionen und Privatpersonen gleichermaßen wichtig. Fotos: © pixabay.com